Kunst als Innovationsmuskel

Dezember 2020

Einer der Schwerpunkte im Bildungszentrum Steiermarkhof: Kunst und Kultur. Johann Baumgartner, Bildungs- und Kulturreferent des Steiermarkhofs, zur Frage, was Kunst mit Erwachsenenbildung zu tun hat.

Was hat Kunst mit Erwachsenenbildung zu tun?
„Bildung ist der Ausdruck einer Auffassung über Kunst und Kultur“ (Johann Baumgartner)

Johann Baumgartner (Foto: Pachernegg)

Um auf diese Frage zu antworten, müsste man die Grundlagen von bildungspolitischen Konzepten sowohl der Europäischen Union als auch auf nationaler Ebene sowie theoretische Ansätze (einschlägiger Literatur) heranziehen. Zudem sind Nahtstellen zwischen Kunst und Bildung zu identifizieren und die Bedeutung der Kunst sowohl für Bildungszentren als auch für das Lernen von Erwachsenen theoretisch und empirisch zu begründen. Ich möchte es einfacher und dennoch nicht banal versuchen es zu beantworten. Seit 2003 darf ich den Bereich „Kunst und Kultur“ im Steiermarkhof in Graz (ein großes Bildungszentrum innerhalb der Arbeitsgemeinschaft Bildungshäuser Österreich), leiten. Aus dieser langjährigen Erfahrung heraus habe ich gelernt, dass Kunst und Bildung nicht voneinander zu trennen sind, denn Kunst stellt einen wichtigen Teil der Bildung dar. In diesem Beitrag wird versucht, auf die Wichtigkeit der Kunst in der Erwachsenenbildung hinzuweisen und darzustellen, welche Auswirkungen Kunst auf das Lernumfeld hat. Ich denke, dass Bildung ein Ausdruck einer Auffassung über Kunst und Kultur ist.

Kunst als wichtiger Teil der Bildung
„Kunst ist für mich, wenn sich in einem einzigen Augenblick das ganze Leben widerspiegelt“ (Johann Baumgartner)

Kunst und Kultur sind wichtige Bestandteile der Bildung – des Lernens. Sie eröffnen den Menschen neue Zugänge zu Bildungsinhalten. Bildende Kunst, Konzerte oder Theater sind kreative Ausdrucksformen, die das Leben der Menschen bereichern. Durch dieses Einlassen, durch dieses Eintauchen, durch diesen Diskurs mit den Kunstwerken werden Lernenden neue Zugänge zu Lerninhalten eröffnet. Dabei gelingt die Begegnung mit Kunst niederschwellig und wirkt somit unaufdringlich fördernd. Im Steiermarkhof wurde ein Durchgang, der von allen SeminarteilnehmerInnen benutzt wird, zur „Hofgalerie“ (dieser Gang ist auf einer Seite verglast und zieht sich rund um den Innenhof) umbenannt und dient nun der Vermittlung von bildender Kunst. Dadurch bekam dieser Gang einen offiziellen Charakter und wurde zum Qualitätssymbol für die Vermittlung von zeitgenössischer Kunst innerhalb der österreichischen Bildungshäuser. Ziel in der Hofgalerie des Bildungszentrums Steiermarkhof ist es, der bildenden Kunst neue Räume zu geben, sich der zeitgenössischen Kunst zu öffnen und Menschen, die an Weiterbildungsveranstaltungen teilnehmen, damit in Berührung kommen zu lassen. Somit werden bewusst oder unbewusst jährlich 73.000 SeminarbesucherInnen an Kunst und Kultur herangeführt. Trotzdem wird Kunst oft nicht als bildungsnotwendig, sondern als reiner Luxus erachtet. Mein Ziel ist es, dass Kunst in der Erwachsenenbildung nicht nebenbei stattfindet, sondern dass es eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Kunst gibt. Ich möchte darauf hinweisen, dass für eine ganzheitliche Bildung Kunst unabdingbar ist. Ich wurde gefragt, was ich unter Kunst verstehe und habe geantwortet, „Kunst ist für mich, wenn sich in einem einzigen Augenblick das ganze Leben widerspiegelt.“

Durch meine langjährige Tätigkeit als Bildungsreferent ist es mir ein persönliches und großes Anliegen, dass Kunst in der Erwachsenenbildung für das Lernen, aber auch für eine ganzheitliche Bildung Bedeutung beigemessen bekommt. Ein weiteres Ziel ist es, dass pädagogische Verantwortliche in Bildungshäusern ein Grundverständnis dafür entwickeln, warum Kunst nicht nur als Dekoration oder Behübschung von Räumlichkeiten dienen sollte, sondern wichtiger Teil in der Erwachsenenbildung. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Kunst und Bildung sorgt für ein neues und besseres Verständnis.

Lernen von Kunst
„Die Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk ist die Inkubationszeit zur Wirklichkeit“ (Johann Baumgartner)

Ausstellung Günter Brus im Steiermarkhof (Foto: Pachernegg)

Für Bildungsinstitutionen wie dem Steiermarkhof ist Kunst eine wichtige Säule des Lernens: durch einzelne Berührungspunkte und Betrachtungen, durch geführte Erklärungen, durch Diskussionen – Kunst ist immer präsent und ein wichtiger Teil des Lernens. Was können wir also von Kunst lernen? Kunstangebote schaffen die Möglichkeit, einen Diskurs über Kunst zu führen. Gerade bei Ausstellungen, in denen Kunstwerke durch ihre Darbietungen Diskussionen hervorrufen, kann Kunst Grenzen durchbrechen. Kunstwerke sind oft sehr eindringlich und wecken Emotionen. Kunst kann abstoßend sein, verwirrt uns und durchbricht unsere gewohnten Vorstellungsmuster. Durch dieses Nicht-Erklärbare wird, nach meiner Erfahrung, ein neuer Bildungsprozess gestartet. Wichtig dabei ist, dass auf ein vielfältiges kulturelles Angebot in der Erwachsenenbildung geachtet wird. Ebenso wie Bildung sollte auch Kunst Menschen aus allen sozialen Schichten zugänglich gemacht werden. Dieser Zugang zur Kunst sollte leistbar sein und nicht bestimmten Eliten vorbehalten. Die Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk ist für mich die Inkubationszeit zur Wirklichkeit.

Bildungshäuser als öffentlicher Raum für Kunst
Nicht jede(r) BesucherIn geht regelmäßig, manch eine(r) gar nie in eine Galerie, in ein Museum oder Kunsthaus. Im Steiermarkhof haben Menschen, bewusst oder unbewusst, die Möglichkeit, sich von Kunst und Kultur berühren zu lassen. Bei dieser Berührung entsteht das emotionale Lernen, Emotionen werden auf- und das Fremde wird abgebaut. Die Ausstellungsflächen sind nicht nur ein Berührungsraum, sondern auch eine zentrale Gärstätte der Bildung. Im Steiermarkhof, dem Kultur- und Bildungszentrum der Landwirtschaftskammer Steiermark, wird Kunst und Kultur mit der allgemeinen Erwachsenenbildung als selbstverständliche Achse verbunden. Künstlerische Interventionen werden im ganzen Haus durch Ausstellungen erfahrbar, somit sind Bildungshäuser auch wichtige Lernorte für Kunst. Diese Wechselwirkung zwischen Kunst und allgemeiner Erwachsenenbildung ist historisch gewachsen und besteht im Bildungszentrum Steiermarkhof seit 50 Jahren. Den TeilnehmerInnen von Seminaren wird durch den durchgehenden Ausstellungsbetrieb ein sehr niederschwelliger Zugang zu Kunst geboten. Im Steiermarkhof werden die Ausstellungen auch sowie die „Offene Werkstatt“ (eine Malwerksatt) als Methode zur Kunstvermittlung verwendet.

Ausstellungsraum im Bildungszentrum als Lernraum
„Über die Frage der Kunst, die Antworten des Lebens finden“ (Johann Baumgartner)

Ein Beispiel für einen neuen Lernraum ist die Hofgalerie im Steiermarkhof, hier besteht die Möglichkeit über eine Frage an die Kunst, die Antworten des Lebens finden. Hier müssen (dürfen) SeminarteilnehmerInnen durch die Hofgalerie (Gang) gehen, um zu ihren Seminarräumen zu gelangen. Bei diesem Durchqueren werden sie bewusst oder unbewusst von Kunst berührt. Die Architektur der Hofgalerie ist sehr transparent. Da sie auf einer Seite verglast ist, kommt durch diese Helligkeit ein besonderes Licht auf die Exponate in die Hofgalerie. Sie spiegelt die Offenheit der Bildungseinrichtung wider. Es ist ein Verschwimmen der Grenzen zwischen Außen und Innen, zwischen Bauraum und Naturraum. Sie werden angeregt für Neues, für Anderes und kommen so unbewusst zum emotionalen Lernen. Es ist ein neues Format des Lernens sowie der Vermittlung von möglichen Lerninhalten durch den Gegenstand Kunst.

Virtueller Räume/Defizite in der Krise ausgleichen

Wenige Tage nachdem dem ersten Lockdown der Covid-19-Pandemie hat der Steiermarkhof virtuelle Räume für Kultur eingerichtet. Damit machte der Steiermarkhof den Menschen auch in Krisenzeiten Kunst und Bildung als das andere tägliche Brot zugänglich. In einer Zeit wie dieser, mit kulturellen Defiziten, wurde es so möglich, durch die virtuelle Ausstellung einen Ausgleich zu schaffen ist. Die Ausstellungen sind seit 2020 alle virtuell begehbar.

Die Hofgalerie

Literatur: Valerie Fritsch (Foto Pachernegg)
Theater: Das Planetenparty Prinzip (Foto: Pachernegg)
Musik: Louie`s Cage Percussion (Foto: Pachernegg)

Die Hofgalerie im Bildungszentrum Steiermarkhof stellt ein Beispiel für einen bewussten und sensiblen Umgang mit Kunst dar. Die Eröffnung einer neuen Ausstellung ist ebenfalls ein Schöpfungsakt, der im Steiermarkhof in einer Trilogie – Bildende Kunst, musikalische Darbietung und das gesprochene Wort als Einführung in die Ausstellung (meist durch eine/-n KunsthistorikerIn) – stattfindet. Danach folgt die Betrachtung der Werke, was wiederum den Diskurs mit den anderen TeilnehmerInnen und mit den KünstlerInnen eröffnet. Es ist ein offenes Format, für die einen sinnliche Berührung, für andere ein Austausch verschiedener Gedanken sowie ernsthafte intellektuelle Auseinandersetzung. Gedachtes, Verborgenes und Unbewusstes wird plötzlich, in Anbetracht von Kunst, freigesetzt.

Fazit

Zwischen Kunst und Bildung besteht im Steiermarkhof eine Wechselwirkung, beide Bereiche ergänzen sich und befruchten sich gegenseitig. Wichtig ist die Auseinandersetzung und Diskussion, daraus folgen die Konsequenzen. Ganzheitliche Bildung funktioniert ohne Kunst nicht und Kunst braucht die Bildung. Gleichzeitig wird klar, dass die beiden Bereiche nicht zu trennen sind. Ein Teil alleine wäre nicht vorstellbar, am deutlichsten wird das durch den Anspruch einer ganzheitlichen Bildung. Das Thema zeigt die Notwendigkeit, sich neu mit Kunst zu beschäftigen, um die Erwachsenenbildung weiterzuentwickeln. Die Erwachsenenbildung benötigt in der Vermittlung neue Formate, hier bedarf es neuer pädagogischer Konzepte mit dem Schwerpunkt „kulturelle Bildung“. Abschließend ist es mir wichtig, nochmals darauf hinzuweisen, dass Kunst zwar ein optimaler Erreger von Kreativität ist, ich halte aber auch fest, dass Kunst niemals instrumentalisiert oder benützt werden sollte. Hier gilt der gleiche Grundsatz, nämlich der Kunst den notwendigen Freiraum zu geben, damit sie nicht nur einem Gegenstand zugeordnet werden kann.

Steiermarkhof (Foto: Pachernegg)

Ing. Johann Baumgartner, MAS
Bildungs- und Kulturreferent des Steiermarkhofs

Steiermarkhof, Ekkehard-Hauer-Straße 33, 8052 Graz
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